"Mein Linux sicher machen" oder: Systemsicherheit als Konzept (my 2 ¢)

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Rain_Maker

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"Mein Linux sicher machen" oder: Systemsicherheit als Konzept (my 2 ¢)

Hallo,

Hier ein paar Anmerkungen zum Thema Sicherheit von meiner Seite.

Welche Maßnahmen halte ich persönlich für sinnvoll, um seinen Linux-PC abzusichern? Diese Tipps beziehen sich explizit auf die Nutzung einer Linux-Distribution auf einem Heimrechner und nicht für die Einrichtung eines Servers.

0. Statement:

Sicherheit ist KEIN Programm sondern ein Konzept! Die Hauptmaxime lautet dabei: "Weniger ist mehr".


1. Nicht benötigte Dienste abschalten.

- Ein Heim-PC sollte nach aussen hin keine Serverdienste anbieten, die nicht explizit gewünscht sind. Bei einem "normalen" Heim-PC sind das meist gar keine.

- Nehmt die Firewall testweise herunter, unter SuSE geht das als root mit dem Kommando 'SuSEfirewall2 stop'.

- Macht einen Portscan auf Eure Kiste und seht nach, ob Ports als offen angezeigt werden.

- https://www.grc.com/x/ne.dll?bh0bkyd2 => Proceed => "All Service Ports".

- Informiert Euch, welcher Dienst da lauscht und entscheidet, ob Ihr ihn wirklich braucht. Wenn die Antwort "Nein" lautet, dann schaltet Ihr unter SuSE den Dienst über Yast => System => Runleveleditor ab. Lest aber genau die Beschreibung, ob nicht weitere Dienste abgeschaltet werden, Yast ist sehr gesprächig!

- Solltet Ihr hinter einem Router hängen, so konfiguriert diesen vernünftig, das Abschalten von nicht benötigten Systemdiensten ist allerdings TROTZDEM sinnvoll, denn nicht benötigte Dienste fressen nur unnötige Ressourcen, ihr gewinnt also doppelt!

2. Stellt Eure Software mit Internetzugriff sicher ein.

- Ein Mail-Client sollte per default das automatische Nachladen von Code aus html-Mails verbieten. Html hat in Mails eh nichts verloren, Emails sind Text, manche Leute scheinen das vergessen zu haben. Versendet wenn möglich auch selbst nur Mails als Plain-Text und weist Eure Kommunikationspartner höflich darauf hin, daß Ihr lieber Textmails haben wollt.

- Richtet einen Spamfilter ein und trainiert ihn gut.

- Mails, die Euch nicht vertrauenswürdig erscheinen, braucht Ihr nicht zu öffnen, schmeisst sie gleich weg.

- Macht Euch mit GPG/OpenPGP vertraut, denn es dient nicht nur der Verschlüsselung von Emails sondern auch der Authentifizierung.
Ich signiere mittlerweile alle meine Mails, auch die nicht verschlüsselten. Man kann diese Signatur überprüfen und damit feststellen, von wem diese Mail wirklich stammt. Dazu muß man nur einmal dem jeweiligen Absender vertrauen, daß dies seine Signatur ist. Bei einem Bekannten lässt sich das ja leicht überprüfen, indem man ihn fragt.

- Stellt Euren Browser sicher ein und bevorzugt das "Whitelist"-Konzept, welches verschiedene aktive Inhalte nur explizit für bestimmte Seiten erlaubt und ansonsten verbietet. (Java, Java-Script, Cookies, Popups .....)
Das hat zunächst den "Nachteil", daß manche Seiten nicht mehr so bunt und gesprächig sind wie zuvor, aber das halte ich anhand der Flut von Werbung und Popups eher für einen Vorteil.
Wenn eine für Euch wichtige Seite dann nicht mehr so funktioniert, wie Ihr das benötigt, dann gebt für DIESE Seite die entsprechenden Inhalte frei und nur die, die wirklich benötigt werden.
Das hat einen weiteren Vorteil, denn dadurch verschwinden auf einmal auf "mysteriöse Art und Weise" auch viele nervige Popups, Banner und irgendwelches "Flashgezappel".

- Denkt, bevor Ihr klickt!
Ja das ist ein Problem, denn man kann sehr schnell klicken, aber es gibt 2 einfache Lösungen dafür, entweder schneller denken oder langsamer klicken. ;)

3. Nutzt ausschließlich Euren Paketmanager zur Installation von Software und verwendet nur Pakete aus vertrauenswürdigen Quellen.

- Viele Paketmanager besitzen mittlerweile das Feature, nur signierte Pakete zu installieren (siehe auch oben zum Thema GPG/OpenPGP). Sicherheit hat auch IMMER mit Vertrauen zu tun.

- Wenn Ihr also z.B. uns vertraut, daß wir Euch in HowTos für Yast/Apt/smart&co nur Paketquellen nennen, die vertrauenswürdig sind, dann seid Ihr auf der sicheren Seite, denn wir nennen Euch auch nur Quellen, die wir selbst nutzen und mit denen wir gute Erfahrungen gemacht haben.
Einen weiteren Vorteil werdet Ihr auch bemerken, die Anzahl der "Abhängigkeitsprobleme" wird schlagartig auf einen Wert nahe Null sinken, siehe hierzu auch das an dieser Stelle Geschriebene.

4. Virenscanner, Ja oder Nein?

- Wenn Ihr die obigen Vorschläge beherzigt, dann braucht Ihr keinen Virenscanner, zumindest keinen "Virenwächter", der ständig läuft und "On Access" scannt. Warum nicht?

- Ganz Einfach:
Eure ausführbaren Dateien (= Programme) holt Ihr nur aus den Quellen Eures Paketmanagers und was per Email reinkommt, ist a) per default auf einem Linuxsystem eh nicht ausführbar (Ihr müsstet es erst per chmod +x ausführbar machen) und b) Ihr schmeisst es eh weg.

- Die durch einen "On Access"-Scanner (unnötig) belegten Ressourcen bremsen Euch auch zusätzlich das System mehr oder minder stark aus. Wenn Ihr meint, unbedingt einen Virenscanner zu benötigen, dann nutzt diesen "On Demand" und scannt nur explizit die Files, die Ihr checken wollt, das gehört dann auch zur Kategorie "Denken, bevor man klickt" und trainiert das wichtigste "Sicherheitstool" auf einem Linuxsystem, das gute, alte "Brain 1.0".

5. Firewall, Ja oder Nein?

- Hier kann man geteilter Meinung sein. Wenn Ihr keine Dienste habt, die laufen, dann braucht Ihr keine Firewall, habt Ihr Dienste, die erreichbar sein sollen, dann müsst Ihr den entsprechenden Port freigeben und die Firewall schützt diese Dienste nicht, dazu ist sie auch nicht gedacht.

- Ein frisch installiertes Ubuntu ohne extra-Pakete hat z.B. keine Firewall (= iptables-Frontend) installiert, weil es nicht nötig ist, denn es läuft kein einziger von aussen erreichbarer Dienst.
Die Kernelmodule für Netfilter/iptables sind aber im Kernel vorhanden, wer also eine Firewall einrichten möchte, der kann dies tun, z.B. mit "sudo apt-get install firestarter".

- Ein gut konfigurierter Paketfilter kann ein sicher konfiguriertes System ergänzen, es ersetzt aber die sichere Konfiguration des Systems NICHT!

- Anmerkung:
Zwei potentielle Gefahren bieten aber sowohl Firewall als auch Virenscanner, die eine ist technischer, die andere ist "psychologischer" Natur.
a) Je mehr Programme auf meinem System laufen, desto höher ist sogenannte "Codebasis" und desto mehr potentielle Fehlerquellen sind vorhanden. Software wird von Menschen geschrieben und Menschen machen Fehler. Je mehr Software auf einem System läuft, desto mehr Fehler werden drin sein. Bei der Verwendung von iptables ist diese Gefahr i.d.R geringer einzuschätzen als bei einem Virenscanner, der mit Sicherheit deutlich mehr Code enthält als die iptables Kernelmodule.

b) Das trügerische Gefühl, daß man ja nun "sicher" ist, weil man irgendeine tolle Software verwendet, die einen schützt. Siehe dazu mein "Statement".

6. Benutzt Euer Linuxsystem so, wie es das System auch vorsieht.

- Loggt Euch NIEMALS graphisch als root ein. Dann laufen ALLE Programme mit Rootrechten, auch die, die diese erhöhten Rechte nicht benötigen.
Wieso sollte ich denn eine gesamte (KDE)-Sitzung als root starten, wenn ich nur eine Einstellung mit Yast vornehmen will? Dazu muß nur Yast mit Rootrechten gestartet werden.
Hierfür gibt es "su, sudo kdesu und gnomesu/gksu". Holt Euch also als normaler User immer nur die erhöhten Rechte für das jeweils benötigte Programm.

- Anwendungen sollten immer mit den niedrigst möglichen Rechten gestartet werden, ein Programm, daß als User gestartet den nötigen Zweck erfüllt, läuft als root nicht besser!

- Haltet Euer System sicherheitstechnisch auf dem aktuellsten Stand und spielt Sicherheitspatches ZEITNAH ein. Dazu müsst Ihr nicht mal viel tun, jede moderne Distribution bietet zumindest einen Mechanismus an, der automatisch nach Updates sucht und sie Euch meldet. Das bedeutet NICHT, daß Ihr Euch zig Installationsquellen einbinden müsst, eher das Gegenteil. Bindet unbedingt ZUERST eine Updatequelle Eures Distributors ein und so wenige zusätzliche Quellen, wie unbedingt nötig.

7. Last but not Least, ein paar allgemeine Bemerkungen:

Haltet Euch an das "KISS"-Prinzip:

"Keep It Small and Simple", weniger ist mehr!

Viele dieser Ratschläge sehen nach eigenständiger Arbeit aus, das stimmt auch, denn es soll den User dazu bringen, sich Gedanken zu machen und sich nicht blind auf irgendwelche tollen Tools zu verlassen, die ihn dazu verleiten, sich in falscher Sicherheit zu wiegen.

Die Verwendung gewisser Tools rate ich ja oben explizit an, aber alle erfordern das Mitdenken des Benutzers.

Die beste Software nutzt nichts, wenn sie miserabel konfiguriert ist!

Sicherheit hat IMMER mit Vertrauen zu tun, Paranoia ist der falsche Weg.

Seid Euch immer bewusst, daß es 100% Sicherheit nicht geben kann!

Sollten Euch diese Tipps so vorkommen, als wären sie vom Prinzip her eigentlich unabhängig vom verwendeten Betriebssystem, dann habt Ihr vollkommen recht!
Eine moderne Linux-Distribution bietet Euch ausserdem einen sehr einfachen Zugang zur erfolgreichen Anwendung dieses Konzepts, also macht davon auch Gebrauch.

Greetz,

RM
 

TypeRyder

Member
AW: "Mein Linux sicher machen" oder: Systemsicherheit als Konzept (my 2 ¢)

Moin zusammen,

ich hänge mich mal ganz dreist an den Threat dran, den das Thema Sicherheit bzw. das Sicherheitsbewußtsein kann man nicht oft genug ansprechen.

Wen betrifft Computersicherheit?
Computersicherheit betrifft prinzipiell jeden Nutzer. JEDEN. Es gibt hierbei keine Ausnahmen. Es gibt zwar immernoch haufenweise Personen, die sich sagen: "Pah, was soll mir schon passieren? Ich habe ja nix zu verbergen und auf meinem Computer befindet sich nichts wertvolles!".

Diese Aussage ist in mehrfacher Hinsicht falsch.
1. Datenschutz und das Recht auf Privatsphäre ist ein Grundrecht, das jeder in Anspruch nehmen kann und auch sollte. Jeder hat persönliche Daten, die zuerst mal nur ihn etwas angehen und bei denen er bestimmen sollte, wer außer ihm noch darüber verfügen kann.

2. Selbst wenn man nichts zu verbergen hat will ich die Person sehen, die möchte daß 100% ihrer Daten jederzeit öffentlich verfügbar sind. Ich bin der festen Meinung, daß jeder, der mir ins Gesicht sagt, daß er nichts zu verbergen hat, mich anlügt. Meist entlarvt man diese Leute schnell, wenn man sie im Gegenzug nach ihrem monatlichen Nettogehalt fragt.

3. Zum einen befinden sich auf den meisten Computern persönliche Daten ihrer Benutzer - Erinnerungen, Briefe etc. Diese mögen keinen besonderen materiellen Wert haben, aber doch zumindest einen sentimentalen.
Ganz davon abgesehen ist ein Cracker heutzutage nicht unbedingt an den Daten auf einem fremden Rechner interessiert. Ein offener Rechner ist zuerst mal ein prima Relaysystem, von dem aus man entsprechend im Internet arbeiten kann. Im Zweifelsfall wird dann nicht der Cracker erwischt...

Auch wenn das Bewußtsein für Datenschutz und Privatsphäre heutzutage immer mehr untergeht, so ist es wichtig, sich daran zu erinnern und dies auch für sich einzufordern.

Wie kann ich meine Sicherheit erhöhen?
Zuerst mal: Denkt nach, bevor ihr irgendwas am Rechner macht. Glaubt nicht blind jedem, der vorgibt was offizielles zu sein. Phishing arbeitet genau mit diesem guten Glauben - indem man sich als irgendwas wichtiges ausgibt, versucht man, an die Daten anderer Leute zu gelangen.
Eure Bank wird euch NIEMALS nach eurem Passwort, eurer PIN oder einer TAN fragen (es sei denn, ihr nutzt grade ihr Onlinebankingprogramm *g*). Jeder andere, der diese Daten von euch haben will, sollte also einen verdammt guten Grund dazu haben...

Das gilt übrigens auch in Hilfeforen: Gebt nicht einfach Passwörter oder Logindaten preis, wenn euch irgendjemand fragt. Bevor ihr Logindaten und Passwörter rausrückt, solltet ihr euer Gegenüber zumindest halbwegs kennen und ihm ansatzweise vertrauen können. Gebt eure Logindaten und Passwörter also nur an Personen weiter, denen ihr zutraut, daß sie mit eurem System keinen Unfug anstellen. Im Gegenzug gilt natürlich auch: Wenn euch jemand die Zugangsdaten zu seinem System anvertraut, dann geht verantwortungsvoll damit um.

Nutzt bei verschiedenen Möglichkeiten immer das sicherste Protokoll. Informiert euch z.B., ob der Emaildienst eurer Wahl verschlüsseltes Login und verschlüsselte Übertragungen anbietet. Besorgt euch gpg UND eine Signatur und beginnt zumindest, eure Emails zu signieren.
Wenn ihr Emails schickt an mehrere Leute, dann setzt die Mailadressen nicht alle ins "To:" oder "CC:"-Feld. Das ist ein gefundenes Fressen für Mailviren, die so ohne Probleme an eine Unzahl neuer Emailadressen kommen. Setzt die Empfängeradressen ins Bcc-Feld, dann sind sie für Mailviren und -würmer zumidest schwerer zu sammeln.

Ihr betreibt ein WLAN-Netz daheim? Dann aktiviert eure Verschlüsselung, und zwar bestmöglichst.

Ihr habt grade euer System installiert? Gut, bevor ihr den Rechner ans Netz hängt, überprüft die Voreinstellungen und macht den Rechner möglichst dicht. Ein normaler Arbeitsrechner muss keine Serverdienste nach draußen anbieten. Wenn ihr keine Dienste anbietet, dann könnt ihr im Regelfall auch auf die ganzen privaten Firewallprogramme verzichten.

Linuxbenutzer sollten auf jeden Fall ihre inetd-Datei prüfen. Normalerweise kann man diese Dienste getrost nach außen hin deaktiveren. Betreibt auf gar keinen Fall einen Telnetserver oder ähnliche Scheunentorprogramme.

Wenn ihr euch im Internet mit einem anderen Rechner verbinden wollt, dann nutzt sichere Protokolle. Nehmt z.B. nicht Telnet, sondern ssh. Loggt euch mit ssh nicht als root auf anderen systemen ein, sondern mit einem normalen Nutzer. Vor Ort könnt ihr immernoch - wie Rain Maker schon sagte - per su, sudo und ähnlichen Möglichkeiten Rootrechte bekommen.

Macht euch nichts daraus, daß euch Mitmenschen bisweilen etwas seltsam anschauen, wenn ihr auf Computersicherheit achtet und daher vielleicht auf Außenstehende etwas paranoid wirkt. Diese Mitmenschen sind meistens auch die, die ein paar Minuten später über Würmer und Viren klagen. Das ist dann der Zeitpunkt, an dem ihr mitleidig gucken dürft *g*

Und erneut muss ich Rain Maker zustimmen: Kein Rechner ist 100%ig sicher. Wenn euch irgendjemand eine Lösung als 100%ig sicher verkaufen will, dann lacht ihn aus - er kann nur lügen. Und glaubt nicht den Leuten, die sagen, das TC und DRM eueren Computer sicherer machen. TC und DRM beschneiden größtenteils Verbraucherrechte und schränken die Nutzung von Computern ein, tragen aber nicht zwangsläufig zur Sicherheit bei.

Im Endeffekt gilt (wie bei so vielen Sachen): Selberdenken macht schlau. Wer im Internet unterwegs ist und seinen gesunden Menschenverstand walten läßt und vorsichtig ist, hat schon viel zu seiner Sicherheit beigetragen.
 
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